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Lippische Volkslaufhistorie

40 Jahre Volkslauf in Ostwestfalen-Lippe – Ein historischer Rückblick

Die Ursprünge liegen an der Velmerstot

Von Peter Gehrmann
Der heute 67-jährige Autor war in den 1960er Jahren der führende lippische Langstreckenläufer, profilierte sich als Mitinitiator des weit über die Landesgrenzen bekannten Hermannslaufes und fungierte 11 Jahre als Bundestrainer der Orientierungsläufer.

Als am 31. März in Leopoldstal der Startschuss zum diesjährigen Velmerstot­-Volkslauf gefallen ist, schloss sich ein Kreis, der vor 40 Jahren an gleicher Stelle einmal eröffnet wurde. Im Frühjahr 1967 wurde im Rahmen der Lippischen Waldlaufmeisterschaften erstmals ein Volksmarsch für jedermann veranstaltet, der mit fast 500 Teilnehmern ein Riesenerfolg wurde und gleichzeitig die stolze Tradition der Volksläufe in Ostwestfalen und Lippe eröffnete.

Millionen Volksläufer- und Geher sind in diesen 40 Jahren in Lippe und Ostwestfalen an den Start gegangen. Die Saat fiel auf guten Boden. Bevor der Volkslaufgedanke im damaligen Kreis Detmold als die geeignete Saat auf guten Boden fallen konnte, waren die laufsportlichen Voraussetzungen dort denkbar günstig. Es gab eine soli­de Läuferszene, vor allem im Polizeisportverein Detmold und in der TG Lage. Zu dieser stießen aus den umliegenden kleineren Vereinen u. a. der Diestelbrucher Langstreckler Harald Meierjohann und der Leopoldstaler Nachwuchsmann Horst Böke. Was die organisatorische Seite der Leichtathletik betraf, hatte man in diesen Jahren in dem Detmolder Wilhelm Rinne einen engagierten Kreisleichtathletik-Obmann. Sehr wichtig für den Laufsport aber war damals der Vorsitzende des Kreissportbundes, der Hiddeser Lehrer Fritz Mahlmann, unter dessen Federführung u.a. die alljährlichen Frühjahrswaldlaufmeisterschaften ausgetragen wurden. Als dritten sehr engagierten Funktionsträger jener Jahre muss man den Detmolder Karl Materna nennen, der als Kampfrichter-Obmann in alle Laufveranstaltungen sehr intensiv eingebunden war.

Zu einem für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Schritt entschloss sich 1966 Fritz Mahlmann: Als die Position des Kreissportwartes unvorhergesehen vakant wurde, bat er mich als aktiven Läufer vom PSV Detmold, diese Position bis zur nächsten Wahl kommissarisch zu besetzen. So war erstmals ein Aktiver im Vorstand des vereinsübergreifenden Kreissportbundes. Seitens der damaligen Funktionsträger im Kreis Detmold war also der Acker für die schon bald gestreute Saat „Volkslauf“ bestens bestellt.

In Bobingen und Bad Hersfeld begann es. Die süddeutschen Laufenthusiasten Otto Hosse und Walter Gelke schufen damals den Durchführungsmodus zum heute immer noch bestehenden Volkslaufkonzept. Nachdem es in Bobingen und Bad Hersfeld zu den beiden ersten deutschen Volksläufen gekommen war, organisierte man 1966 in Bremen eine erste Volkslauf-Veranstaltung im Norden. „Das müssen wir auch machen" Von der Teilnahme daran kam ich mit den lippischen Läufern Harald Meierjohann und Horst Böke begeistert mit dem Gedanken zurück: „Das müssen wir bei uns in Lippe auch machen!"

Eine komplette Veranstaltung kurzfristig aus dem Boden zu stampfen, dafür sahen wir noch keine Chance. Wir waren junge Aktive und somit noch nicht die maßgeblichen Entscheidungsträger in ihren Sportvereinen. Doch einen Versuch, den Volkslauf-Gedanken in eine existierende Laufveranstaltung einzuflechten, könnte man schon vor schlagen - und notfalls mit eigener Kraft realisieren.

Die Frühjahrsveranstaltung des darauffolgenden Jahres bot sich für die Idee an. Schließlich fand der in Horst Bökes Stammverein, TSV Leopoldstal, statt, dessen Organisation mit den engagierten Vorsitzenden Manfred Hinnenthal an der Spitze als leistungsstark und flexibel bekannt war. Mit diesem zusammen rührte Horst Böke sofort die Werbetrommel in Leopoldstal. Harald Meierjohann und ich fanden beim Kreissportbund Vorsitzenden Fritz Mahlmann spontan ein offenes Ohr.

In einem waren sich die Pioniere der Bewegung in Ostwestfalen einig: Man wollte und würde den traditionellen Frühjahrswaldlauf des Kreissportbundes nicht durch einen kompletten Volksevent ersetzen können. Die lippischen Waldlaufmeisterschaften waren schließlich eine gute Tradition. Das Programm von den Schülerläufen bis zur Meisterklasse sollte unverändert beibehalten werden. Am Mittag des Veranstaltungstages sollte allen Bewegungsfreudigen die Gelegenheit gegeben werden, eine Zehn-Kilometer-Strecke im flotten Schritt zurückzulegen. Manche Skeptiker und Bedenkenträger winkten mit dem Bemerken ab: „Ihr bekommt keine 20 Mann auf die Beine." Doch die Mehrheit stimmte zu, und Fritz Mahlmann machte den jungen Initiatoren den Rücken stark.

Horst Böke hatte als heimischer Läufer sofort eine geeignete Strecke rund um den Knieberg parat. Dazu kam die erfreuliche Tatsache, dass die Leopoldstaler sich mit der Idee sofort identifizierten. Bürgermeister Priß meldete sich spontan als Marschierer und zog viele mit an den Start. Zusammen mit Harald Meierjohann knüpfte ich werbend zahlreiche Kontakte bis hin zu Behörden und Politik. Als sich letztlich Landrat Paul Pankoke, Oberkreisdirektor Hilmar Lotz und Landtagsabgeordneter Heinz Wegener in die Startliste eintrugen, gab es bald kein Halten mehr. Viele, ob Sportler oder nicht, wollten dabei sein. Die Briten, die Bundeswehr und die Polizei schickten ihre Teams. Bald waren aus den „kaum 20", die man orakelte, über 400 Volksmarschierer geworden. Strahlender Sonnenschein begrüßte am Sonntag, 7. Mai 1967, die Frühjahrswaldläufer und Volksmarschierer: Eine neue Stimme klang aus dem Platzlautsprecher.

Volksmarsch-­Mitorganisator Harald Meierjohann wollte die neu gestaltete Veranstaltung selbst kommentieren und hatte damit seinen ersten Einsatz als Ansager. Diese Ansagerfunktion bei Volksläufen in Lippe hielt er gekonnt wie sachkundig bis heute aufrecht," und erreichte dadurch im Laufe der Jahre als „Der lippische Volkslaufansager" echte Popularität.

Es ist nicht mehr bekannt, wer eigentlich den Startschuss zum Volksmarsch abgegeben hat. Ein Prominenter war es jedenfalls nicht, denn angefangen vom TSV-Vorsitzenden Manfred Hinnenthal bis hin zum Landrat standen diese schließlich alle im Teilnehmerfeld hinter der Startlinie.An der Spitze der fast 500 Volksmarschierer lieferten sich die Paderborner Geher Peter Potthast und Karl-Heinz Spang ein heißes Rennen mit wohltrainierten Konkurrenten aus Salzgitter und Bielefeld. Letztlich gewann Potthast vor Spang. Bereits auf dem Leopoldstaler Zielgelände entwarfen die Lauf-und Wanderfans der Region ihre Pläne zur Fortführung des Volkslaufgedankens.

Die maßgeblichen Entscheidungsträger im Kreissportbund, Fritz Mahlmann und Karl Materna, beschlossen, den Frühjahrswaldlauf in Hiddesen zu einem kompletten Volkslauf- und Volksmarsch umzugestalten und eröffneten damit die lange Hiddeser Volkslaufserie. Immo Herden, damals aktiver Mittelstreckenläufer beim PSV Detmold, begann in den folgenden Jahren eine lange Karriere als Veranstalter. Angefangen mit Volksläufen an den Externsteinen und später in Augustdorf weitergeführt organisierte er für den PSV bis heute zahlreiche Veranstaltungen.

Herden, nunmehr Pensionär, publiziert alljährlich einen ostwestfälischen Volkslauf-Kalender und leistete viel Pionierarbeit, wenn es um technische Verbesserungen in der Volkslauforganisation ging. Überall in OWL kam es zu langen Volkslaufserien so wie in Bielefeld, Hörste, Friedrichsdorf, Bad Salzuflen, Silixen und Vinsebeck. Als leuchtender Stern im OWL-Volkslauf entwickelte sich der 1972 ins Leben gerufene Hermannslauf. Aus den überwiegend in freier Landschaft ausgetragenen traditionellen Volksläufen heraus entstanden später die abendlichen Stadtläufe, von denen die „Nacht von Borgholzhausen" und der Wiedenbrücker Christkindl-Lauf die größte Beliebtheit erlangten.

[Artikel aus der Lippischen Landes-Zeitung Nr. 82 / Freitag, 6. April 2007]
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